EKG für die Hosentasche, ganz ohne Apple Watch

EKGs, also „Elektrokardiogramme“, sind seit der Vorstellung der Apple Watch Series 4 in aller Munde. Nur: Mit der Apple Watch kann man aktuell noch keine EKGs machen, nicht mal in den USA. Morgen, am 29.  Oktober ist „World Stroke Day„, ein guter Anlass über eine Alternative zur Apple Watch als EKG Gerät zu sprechen.

Der Hersteller Sanatmetal aus Ungarn liefert hier aber Abhilfe mit dem kleinen Gerät namens „WIWE“. Mit dem scheckkarten großen Gerät soll nämlich jederzeit eine EKG Messung möglich sein, und das sogar hoch genau, mit Zulassung als medizinisches Gerät in der EU.

Einrichtung

Die Einrichtung des WIWE erfolgt einfach und schnell, wie bei jedem anderen Bluetooth-Zubehör. Zunächst muss die App geladen werden, dann folgt man einfach den Anweisungen am Bildschirm.

WIWE
WIWE
Entwickler: Sanatmetal Ltd.
Preis: Kostenlos
WIWE
WIWE
Entwickler: Sanatmetal Ltd.
Preis: Kostenlos

Hintergrundinfo

Wofür also sollte man nun eigentlich in Erwägung ziehen, den WIWE ins Haus zu holen? Worum geht’s genau? Zusammenfassend ist der WIWE ein Gerät um einerseits ein Elektrokardiogramm (EKG) zu erfassen, andererseits zudem auch den Sauerstoffgehalt des Blutes und den Puls zu messen.

Dabei können anhand des EKGs Zeichen auf z.B. Herzrhythmusstörungen (Arrythmie) oder auch nahenden Herzstillstand oder auch Kammerflimmern festgestellt werden.  Der WIWE dient hierbei aber keineswegs als Diagnosemittel, kann aber eben die Aufmerksamkeit auf wiederholt auftretende Unregelmäßigkeiten lenken, welche vielleicht ansonsten vollkommen unentdeckt geblieben wären. Mittels der Messungen kann man dann letztlich einen Kardiologen aufsuchen um sich vom Experten eine Einschätzung zu holen bzw. ein professionelles EKG erstellen zu lassen. Dieses hat immerhin 12 Kanäle, und nicht nur einen wie der WIWE (oder die Apple Watch 4).

Design

Das Gerät ist wirklich schick in mattem weiß gehalten, eine schwarze Version ist ebenfalls verfügbar. Auf der Oberkante finden wir eine Taste mit der wir das Gerät bei Bedarf einschalten und mit der Smartphone-App verbinden, an der Unterkante befindet sich der MicroUSB Anschluß für das Aufladen.

 

Vorne finden wir die zwei Elektroden von denen eine ein optisches Pulsoxymeter beinhaltet.

Zwischen den beiden Elektroden, auf denen wir später unsere Daumen platzieren werden, befindet sich eine stilisierte Pulswelle, die mit grünen LEDs bestückt ist. Sie zeigt entweder die Bereitschaft zur Messung an, oder, während einer Messung, den Fortschritt selbiger.

Alles in allem ist das Design wirklich gelungen und das kreditkartengroße Gerät dürfte spielend in jede noch so schlanke Tasche passen.

Messung

Die Messungen könnten im Grunde einfacher nicht sein. Mit oder ohne Smartphone muß lediglich nach dem Einschalten auf jedem Sensor ein Daumen platziert werden, der Rest läuft automatisch.  Theoretisch. Man muss allerdings folgende Dinge beachten:

  • Beide Hände dürfen sich nicht berühren während der Messung. Der WIWE misst nämlich den Strom der durch Arme und Oberkörper von einem Sensor zum Anderen fließt; berühren sich die Finger ist dies nicht möglich. Durch die Größe des Gerätes kann so ein „Kurzschluss“ des Signals recht schnell passieren.
  • Weder dürfen die Finger zu locker noch zu fest auf den Sensoren liegen. Ein normal kräftiger Griff ist optimal.
  • Messungen sollte man nicht im Stehen und schon gar nicht in Bewegung durchführen, da entweder die Messergebnisse verfälscht oder gleich von vornherein nicht möglich wären. Am besten klappts wenn man ruhig am Tisch oder auf dem Sofa sitzt und die Hände ruhig hält, dazwischen das Gerät.
  • Man sollte eher häufiger als seltener messen. Speziell mit Verdacht auf Herzprobleme sollte man mehrere Messungen pro Tag durchführen um etwaige Ausreißer auszuschließen. Gerade wenn man unentspannt ist oder „mal schnell on the go“ meint, man könne ein EKG aufzeichnen, kommen schnell absonderliche Falschmessungen zustande. Also ruhig bleiben, sich Zeit nehmen und dann erst die Messung starten.
  • Die Finger dürfen nicht bewegt oder verrutscht werden, das führt zur Falschmessung.

Die Messungen können übrigens mit oder ohne Beisein des Smartphones durchgeführt werden. Allerdings bietet die Verwendung des Smartphones den deutlichen Vorteil, direkt die EKG Kurve während der Messung zu sehen und gleich im Anschluß die Auswertung betrachten zu können.

Auswertung

Ein EKG und all die zugehörigen Messwerte und Daten sind für einen Normalo wie mich eine Flut an Daten, die noch dazu wenig Sinn ergeben. Also, grundsätzlich jetzt. Während die WIWE App zwar noch ein paar Ecken und Kanten hat so brilliert sie vor allem in der Darstellung der Messwerte.

Zwar kann man während der Aufzeichnung die Kurve des EKGs beobachten, nach erfolgter Messung wird einem das Ergebnis aber zunächst als übersichtliche Ampel angezeigt. Drei Hauptpunkte sieht man. Ist alles grün, ist alles OK. Leichte Abweichungen werden durch die gelbe Ampel, starke Abweichungen durch die rote Ampel angezeigt. So kann man sich sehr schnell mal ein Bild machen und, bei Bedarf, den Ursachen etwaiger gelber oder roter Messwerte auf den Grund gehen. Auf Wunsch hat man sofort schnellen Zugriff, direkt in der App, um jeder einzelnen Angabe in der Auswertung auf den Grund zu gehen.

Super! Eines muß man aber immer bedenken: EKGs mit dem WIWE zu erstellen ersetzt keinen Arztbesuch! Speziell dann nicht, wenn mehrfache Messungen eindeutig Abweichungen aufzeigen. Dann sollte man ein professionelles Mehrkanal-EKG machen lassen.

Akkulaufzeit

Am Gerät wird der Akkustand mit vier Leuchtpunkten angezeigt, in der WIWE App kann jederzeit der prozentuelle Akkustand abgefragt werden. Verwendet man den eingebauten Schrittzähler NICHT so sollten bis zu 50 Messungen drin sein, typischerweise sollte man bis zu einer Woche auskommen. Das kann ich so bestätigen. Ist der Schrittzähler aktiv kann es durchaus vorkommen, dass das Gerät nach zwei Tagen leer ist. Ich hatte zwar eine Zeit lang den Schrittzähler aktiv, dieser hat aber aus irgend einem Grund in meinem Fall leider nicht funktioniert.

Das sagt der Hersteller

Nun, hier ist die Grundidee wirklich, dass der Endanwender, der Laie, nur überprüfen muss, ob er eine rote Warnung erhält, besonders wenn es sich um eine handelt, die immer wieder auftaucht. Die Interpretation und Diagnose liegt ausschließlich im Ermessen des Kardiologen. WIWE hat die Aufgabe, auf Unregelmäßigkeiten im EKG hinzuweisen, aber die Ergebnisse sollten vom Laien nicht interpretiert werden. Im Grunde genommen ist das, was wir kommunizieren, Folgendes: WIWE ist ein medizinisches Gerät, ein mobiles Lead-I-EKG (d.h. es stellt den ersten Kanal, eines Krankenhaus-12-Kanal-EKG dar), welches den Benutzer und darauf folgend auch den Mediziner auf Parameter im EKG aufmerksam machen soll, die sich vom Normalwert unterscheiden, indem es eine EKG-Kurve in klinischer Qualität aufzeichnet, und diese mit seinem Algorithmus analysiert . WIWE sucht vor allem nach frühen Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern (mit der weltweit genauesten Messgenauigkeit von 98,7%), die das Schlaganfallrisiko erhöhen können, und bewertet auch das erhöhte Risiko für einen plötzlichen Herzstillstand (diese Funktion bietet kein anderes mobiles EKG-Gerät). Es prüft auch auf Sauerstoffmangel und niedrigen/hohen Puls. Es bietet eine sehr einfach zu verstehende farbcodierte Bewertung für den Endverbraucher (grün: alles gut, gelb: Abweichungen, rot: signifikante Abweichungen) und ermöglicht es Ärzten, die aufgezeichnete EKG-Kurve und EKG-Wellen wie QRS, QTc und PQ weiter zu analysieren.

WIWE oder Apple Watch?

Das war für mich natürlich eine sehr spannende Frage, befindet sich doch 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche die Apple Watch 4 an meinem Handgelenk. Aber eben vorerst noch ohne die Möglichkeit, ein EKG erstellen zu können. Wann diese Funktion nach Europa kommt und in welche Länder, ist vollkommen unklar.

Zudem hat mir der WIWE gezeigt, dass eine sinnvolle EKG Messung nur dann möglich ist, wenn man ruhig ist und still hält, wenn die Sensoren guten und direkt Kontakt zu den Daumen haben und wenn die Finger bei der Messung nicht bewegt werden. Insofern bin ich gespannt, wie gut das auf der Apple Watch funktionieren wird, denn die Elektrode in der Digital Crown ist ungleich kleiner als jene des WIWE, die Gefahr mit dem Zeigefinger der (angenommen) rechten Hand das Handgelenk der linken Hand zu berühren ist sehr groß. Außerdem werden vielfach Härchen die Elektroden auf der Unterseite der Watch bei der Messung behindern. Das alles ist natürlich Spekulation – niemand weiß aktuell, wie sich die Watch in der Praxis schlagen wird.

FAZIT

Das WIWE EKG Messgerät ist nicht billig. 289€ veranschlagt der Hersteller. Dafür erhält man aber ein ausgesprochen kompaktes Gerät, das man eigentlich immer mit dabei haben kann und das zudem bereits jetzt eine EKG Messung immer und überall ermöglicht. Die Aufbereitung der Messergebnisse ist übersichtlich, man sollte sich aber etwas in die Materie einlesen, denn ohne diese Zusatzinformationen sind die gemessenen Daten nur halb so viel wert. WIWE wird sicher nicht den Massenmarkt bedienen, dazu ist der Anwendungsfall zu speziell, wer aber Herzprobleme, Auffälligkeiten oder Vorfälle in der Familie hat für den dürfte WIWE durchaus ein willkommenes Zusatzinstrument sein, um die Herzgesundheit dauerhaft und abseits der (notwendigen!) Arztbesuche im Auge behalten zu können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mensch oder Bot? Bitte gib die Zahlen unten ein! *

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.